Teil 8: Katastrophe

 

Wir sind anscheinend wieder in Europa. Naazanin glaubt die Gegend als Südfrankreich zu erkennen und in der Nähe müsste die Stadt Bordeaux liegen. Dort war sie in ihrem zweiten Wanderjahr gewesen. Das Tor selbst steht in einer verlassenen Hügellandschaft. Es gibt keine Anzeichen von Landwirtschaft oder Besiedelung, das Wetter ist grau und neblig und unsere Energie ist auf dem Nullpunkt. Wurden wir auf der anderen Seite des Tores noch davon angetrieben, es zu erreichen, so stehen wir jetzt wieder an Anfang einer neuen Welt, bei der wir nicht wissen, was sie uns bringen wird und die Wahrscheinlichkeit, dass es etwas erfreuliches sein wird, sehr gering ist. Die letzte Welt war nur anstrengend, dämonisches haben wir nicht bemerkt.

Weiterhin steigt mit jeder Welt die dämonische Magie. Hier ist sie so hoch, dass wir ihren oberen Rand nicht mehr erkennen können. Wir stehen vollständig eingehüllt.

Unser Kompass führt uns nach Südosten, doch wir beschließen, erst ein paar Kilometer Richtung Westen zu ziehen um nachzusehen, ob es Bordeaux hier gibt.
Der Weg dahin ist beschwerlich, da es keine Wege gibt und wir uns durch dichten Wald schlagen müssen. Bereits nach wenigen Kilometern finden wir Anzeichen menschlicher Besiedlung: Einen Weg mit Wagenspuren, bestellte Felder. Eine Hütte, aus deren Kamin Rauch steigt. Wir sehen uns die Felder genauer an, finden aber keine Runen die sie vor Dämonen schützen könnten.

Später am Tag finden wir Bordeaux. Es ist jedoch deutlich kleiner als das Bordeaux an das sich Naazanin erinnert. Es ist schwer zu schätzen, aber es hat vielleicht 15.000 Bewohner. Im Hafen gibt es, so wir aus der Entfernung erkennen können, keine Übersee-Schiffe. Es sind nur Küstensegler.

Wir beschliessen, nicht nach Bordeaux hinein zu gehen. Die Menschen dieser Welt wollen wir kennen lernen, aber eher in einer kleineren Stadt. Wir machen uns auf den Weg Richtung Südosten. Unser Weg wird uns nördlich der Pyrenäen bis ans Mittelmeer führen. An dessen Küste werden wir dann nach Spanien reisen und hoffen, dass das Tor nicht in Südafrika liegt. Vielleicht liegt es ja auch in Karthago!

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Wir haben Bordeaux vor 3 Tagen verlassen. Wir nutzen die Straßen hier, gehen aber anderen Reisenden aus dem Weg. Damit sind wir nicht allein. Treffen wir auf andere Reisende, so sind diese zutiefst misstrauisch. Sie begeben sich in abwehrende Haltung. Kinder und Alte werden versteckt, Waffen werden gezogen. Es gibt fast keine Einzelreisenden oder Kleingruppen. Es sind immer Gruppen von 10 Leuten oder mehr. Wir fragen uns, was das Reisen hier so gefährlich macht und sind extrem wachsam. Wir beratschlagen, ob wir eines der wenigen Rasthäuser besuchen sollen. Sie gleichen kleinen Festungen und die Wirte scheinen jeweils starke Wachtruppen zu unterhalten.

Wir beschließen, es in einer Nacht zu versuchen und quartieren uns ein. Außer den Wachen gibt es auf den ersten Blick keine Unterschiede zu einem Gasthaus wie wir es kennen. Doch auf den zweiten Blick sieht man, dass das Misstrauen von draußen sich auch hier fortsetzt. Die Gruppen bleiben unter sich. Viele holen sich auch nur Getränke oder Essen ab und ziehen es vor, unter ihresgleichen zu bleiben.

Die Menschen sprechen eine Sprache, die eine sehr entfernte Ähnlichkeit zu Französisch hat. Naazanin versucht, so viel wie möglich aufzuschnappen. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Menschen Magie beherrschen. Wir haben eine Zimmer für uns drei gebucht. Niemand scheint dies seltsam zu finden. Wir installieren alles, was wir an Wach und Schutzzaubern können und zusätzlich hält immer einer von uns Wache. Die Nacht vergeht ereignislos, doch sind wir froh, diesen Ort am nächsten Tag zu verlassen. Wir beschließen, fortan wieder im Freien zu übernachten.

Wir haben das Mittelmeer erreicht. Das Wetter und unsere Laune hat sich verbessert. Wir haben festgestellt, dass die Richtung zum nächsten Tor sich jeden Tag den wir weiter nach Osten kommen ändert. Das Tor ist also nicht allzu weit entfernt. Vermutlich noch in Spanien auf den Südseite der Pyrenäen.

Wir beschließen, in einem Gasthaus in einem kleinen Fischerdorf einzukehren. Hier, inmitten eines Ortes, scheint die Stimmung entspannter zu sein. Naazanin stürzt sich in das Lernen der Sprache. Im Ort drehen sich die Gespräche um das, was in einem Fischerdorf zu erwarten ist. Und man hat freundliches Interesse an uns. Das dämpft zwar unser Misstrauen nicht, doch ist es angenehm, wieder normalen Kontakt mit Menschen zu haben. Wir beschließen, hier ein paar Tage zu bleiben. Wir brauchen die Erholung und eine bessere Unterkunft ist vermutlich hier nirgends zu bekommen.

Wir vermuten, das es nur noch wenige Tage bis zum nächsten Tor sind. Und hinter diesem Tor liegt, wenn die Angaben stimmen, die Heimatwelt der Elfen! Für diese Welt wollen wir ausgeruht sein.

Dennoch bleiben wir wachsam. Nachts aktivieren wir weiter alle Schutzzauber und halten Wache. Ich habe das Gefühl, als sollten wir hier besser nicht bleiben. Aber wir brauchen die Pause.

Wir hätten ihnen niemals vertrauen dürfen. ICH hätte ihnen niemals vertrauen dürfen. Niemals, niemals, niemals. Ich bin ein dummer alter Mann! Einlullen habe ich mich lassen: Von Naazanin und Farshid, die dringend etwas Ruhe brauchten, von meinen alten Knochen, die ein weiches Bett haben wollten, von Wein und warmem Essen. Und wer zahlt jetzt den Preis? Natürlich nicht ich. Naazanin ist ein heulendes Bündel Elend, an dem ich Schuld bin. Meine kleine Naazanin ist weg für immer, gebrochen von mir.

Ich habe versucht, es Naazanin so bequem wie möglich zu machen. Sie schläft jetzt und ich mache mich an die Arbeit, unsere Dummheit aufzuzeichnen.

Wir hatten mit magischen oder dämonischen Angriffen gerechnet, wütenden Mengen oder heimlichen Assassinen. Womit wir nicht gerechnet hatten war, in einem Gasthaus vergiftet zu werden. Als wir es merkten, war es längst zu spät. Das Gift war auch gut gewählt: Es verursachte keine Übelkeit oder Schmerzen. Es war einfach nur ein Schlafmittel, das so langsam wirkte, dass wir ganz normal schlafen gingen, doch dann so fest einschliefen, dass sie uns einfach davon tragen konnten.

Als wir wieder wach wurden, waren wir gefesselt in einer Halle. Anscheinend war der gesamt Ort ebenfalls anwesend. Naazanin und ich waren an Pfosten am Rande einer freien Fläche in der Mitte der Halle gebunden, Farshid auf einem Tisch oder Altar in der Mitte. Ob beabsichtigt oder nicht, weiß ich nicht, aber die Nebenwirkung des Giftes hatten uns unserer Magie beraubt. Unsere Körper waren wie warmes Wachs.

Die Dorfbewohner finden mit einem dunklem Singsang an. Neben Farshid, der ebenfalls wach war, wurden Folterinstrumente ausgepackt. Der Singsang nahm an Intensität zu. Sie fingen mit den Zehen an, dann die Finger, das Gesicht und seine Männlichkeit. Wir waren so gefesselt, das wir nicht wegsehen konnten. Schlossen wir die Augen, wurde sofort etwas noch schlimmeres mit Farshid angestellt oder wir selbst bedroht. Und die ganze Zeit dieser grässliche Singsang der Dorfbewohner, durch den sich die hellen Stimmen der anwesenden Dorfkinder wie Messer geradezu körperlich in uns schnitten.

Plötzlich hörte der Singsang auf und zwei der Folterknechte kamen auf Naazanin zu. Obwohl die Wirkung des Giftes abzuklingen schien, waren wir beide noch nicht wieder in der Lage, uns zu wehren. Ich merkte zwar, wie meine Magie zurück kam, doch anwenden konnte ich sie noch nicht. Sie banden Naazanin los und brachten sie zu Farshid. Sie zeigten ihr die Verletzungen und erklärten, das habe schlimmer ausgesehen, als es ist. Das würde alles wieder abheilen. Sie solle ihn ansprechen und er würde sie hören. Und tatsächlich, Farshid sah Naazanin und warf ihre Blicke trafen sich. Die Dorfbewohner sagten Naazanin, er hätte es jetzt hinter sich und sie könne ihn los schneiden. Dazu drückten sie ihr ein schmales Messer in die Hand. Die Dorfbewohner fingen mit einem anderen Singsang an. Ich wollte Naazanin noch warnen, doch es ging zu schnell.

Als sie sich mit ihrer unsicheren Hand seinen gefesselten Händen näherte, die die Dorfbewohner der Nähe seines Kopfes hochgebunden hatten, griff einer von ihnen plötzlich nach ihrer Hand, umschloss sie und drückte damit das Messer in ihrer Hand in Farshids Herz noch während er sie anschaute. Naazanins Schrei ging im Gelächter der Dorfbewohner unter.

Dieses Gelächter machte mich zornig wie ich es nie im Leben gewesen war. Ich fand mein Feuer wieder! Ich hatte nie vorher Kinder und Alte verbrannt, sieht man einmal von den dämonenbesessenen in der Schlacht um Karthago ab. Die erste Feuerkugel ging mitten in die Menge, die mir gegenüber stand. Sie verursachte sofort Panik und ich schicke die zweite direkt in die chaotische Menge. In Naazanin erwacht ebenfalls der Zorn. Die Dorfbewohner kennen keine Magie. Und sie haben auch nie damit gerechnet. Naazanin schickte eine ihrer Felskugeln direkt in das Gesicht des Mannes, der Ihr Messer geführt hatte. Er und mehrere andere wurden zerfetzt. Ich beschwor ein wenig Feuer und durchbrannte meine Fesseln. Dann rannt ich zu Naazanin, die sich um Farshid bemühte und legte einen Schutzschild um uns.
Die Halle war in Brand geraten. Es lagen mehrere Tote auf dem Boden, Verletzte schrien um Hilfe. Naazanin war über Farshid gebeugt und sprach Heilzauber. Ein Rinnsal von Farshids Blut lief vom Tisch, tropfte ihr auf die Hose und hatte bereits eine kleine Lache auf dem Boden gebildet. Es war zu spät und wir mussten hier raus. Die Halle würde komplett abbrennen.
Ich nahm Naazanin in den Arm und drehte sie von Farshid weg. Für einen Moment dachte ich, sie würde mich angreifen. Aber sie erkannte mich und rief, dass wir Farshid hier herausbringen müssten. Wir beschlossen, dass wir sie magisch stärken würden, damit sie Farshid tragen könnte. Meine Feuerkugeln würden die Dorfbewohner wahrscheinlich eher so beeindrucken, das sie uns durchliessen.

Draussen war das Ganze Dorf in Aufruhr. Während einige versuchten, das Löschen des Feuers zu organisieren, waren andere dabei, sich zu bewaffnen, um uns anzugreifen. Ich sah Piken, Harpunen, Stöcken und sogar ein paar Netze. Aber einige hatten auch Armbrüste. Zum Glück hatten wir ein Schutzschild. Ich schickte eine kleine aber schnelle Feuerkugel in den Wagen, hinter denen sich die Schützen verborgen hielten. Eine weitere Kugel in das Nachbarhaus, um weitere Brände zu verursachen. Wir rannten los.
Die Dorfbewohner hatten das Tor des Dorfes geschlossen. Wir mussten Anhalten und Naazanin sprengte es mit drei Steinkugeln morsch und ich schickte eine Feuerkugel hinterher und wir kamen durch. Zur Ablenkung hatte ich noch ein weiteres Haus angezündet.

Dann rannten wir und liefen in irgendeine Richtung. Wir trugen Farshid abwechselnd, indem wir unsere Kraft magisch verstärkten. Nach einer Ewigkeit hielten wir in einem kleinen Seitental an einem kleinen Bach an. Ich hatte gerade noch die Kraft, einen Schutzschirm aufzustellen, auch wenn wir nicht das Gefühl hatten, verfolgt worden zu sein. Dann brach Naazanin zusammen. Ich hielt sie, bis die Tränen versiegten und sprach dann einen leichten Schlafzauber auf sie, bettete sie so gut es ging auf Blätter und Moos. Dann brach ich selbst zusammen.

Ich wurde von Naazanin geweckt: „Wir haben sie alle getötet, oder?“.
„Ja, viele zumindest!“
„Warum haben sie das getan?“
„Ich weiß es nicht!“
Sie ging zu Farshid, der in der Nähe auf einem Flecken Moos lag und gegann, ihn zu waschen. „Er ist tot. Ich konnte nichts mehr tun.“ sagte sie tonlos. „Wir müssen ihn begraben.“

Wir begruben ihn an dem Bach und hielten eine kleine Zeremonie ab.

Weder sie noch ich sprachen an, ob wir weitermachen oder zurück gehen sollten. Wir brachen einfach auf und gingen in Richtung des Tores. Vorher wollten wir aber noch einen Blick auf das Dorf werfen.

Die Feuer waren alle gelöscht und sie hatten nicht übergegriffen. Das war bemerkenswert. Einige Dorfbewohner waren dabei, das Tor wieder zu errichten und waren dabei offensichtlich magisch verstärkt. Neben dem Dorf konnten wir zusehen, wie die Pflanzen eines Kartoffelackers aus dem Boden schossen! Einige Dorfbewohner feierten. Auf dem Dorfplatz hatten sie anscheinend die Toten aufgebahrt. Aus der Entfernung konnten wir etwa fünfzehn zählen. Eine Trauergemeinschaft hatte sich darum versammelt. Den Trauernden wurden Geschenke gebracht.

Wir beschlossen, diesen Ort und diese Welt zu verlassen. Das war zu fremd und zu schrecklich.

Ein paar Tage später erreichten wir das Tor. Wenn die Elfen recht haben, müsste hinter diesem Tor ihre Heimatwelt liegen. Die Erlebnisse in dieser Welt haben uns verändert. Vorher hatten wir es mit Dämonen zu tun. Hier hatten wir es mit Menschen zu tun gehabt, die sich wie Dämonen verhielten.

Naazanin sprach mich an. „Shiidvash, ich weiß nicht, ob wir dies überleben. Aber Farshids Tod hat mir gezeigt, dass wir wissen müssen, was die Wurzel all dieses Bösen ist und ich werde diesen Weg bis zum Ende gehen. Nur eines musst Du mir versprechen: Wenn mich ein Dämon übernimmt oder irgendwie verändert, dann musst Du mich töten. Ich kann nicht so werden wie diese Bestien die Farshid getötet haben.“ Dem konnte ich nur zustimmen: „Das Versprechen sollten wir uns gegenseitig geben.“ Sie nickte und wir traten durch das Tor.

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