Teil 6: Schlaflos

 

Gefunden: Am Tor an den Ausläufern des Urals

Gestern sind wir in der neuen Welt angekommen. Das dämonische Level ist wiederum höher. Wir stehen in einer wunderschönen sanften und kühlen Waldlandschaft. In der Nähe plätschert ein Bach. Niemand traut sich, ein Wort zu sagen. Dann besprechen wir, dass ich einen kleinen Feuerfunken zaubern werde. Alle ziehen ihre Waffen und gehen in Position. Ich zaubere – und nichts passiert. Der Zauber klappt und kein Dämon erscheint. Wir brechen in erleichterten Jubel aus, um gleich darauf wieder innezuhalten. Aber auch Emotionen lassen keine Dämonen erscheinen. Und wir haben Wasser! Naazanin und Farshid umarmen sich.

Es gab kein Halten mehr: Wir trinken, baden uns und waschen unsere Kleider. Farshid klopft mir auf die Schulter “Wir haben es geschafft, alter Mann!”. Ich will ihn nicht wieder provozieren und frag deshalb nicht nach, was wir denn seiner Meinung nach geschafft hätten. Ich weiß es wirklich nicht.

Mit unseren Erkunderfähigkeiten entdecken wir in etwa 15km Entfernung ein Dorf das auch in der richtigen Richtung liegt und beschließen, dorthin aufzubrechen. Es ist später Nachmittag und wir wollen noch ein paar Kilometer schaffen.

Nach einer Stunde durch Wald und Wiesen schlagen wir an einem Bach unser Lager auf und machen ein Feuer. Wir errichten einige Wach- und Schutzzauber und grillen den Fisch, den Naazanin gefangen hat. Nachts werden wir von unserem Wachzauber geweckt. Etwas dämonische ist in der Nähe. Farshid stellt fest, dass sich ein Dämon in etwa 100m Entfernung auf uns zu bewegt. Der Dämon hat uns anscheinend aber noch nicht entdeckt. Erst etwa eine Stunde später kommt er in Baumgestallt aus dem Wald, sieht uns und greift sofort an. Unsere Schutzzauber halten ihn zurück und er beginnt, sinnlos dagegen anzurennen und herumzuschreien. Wir schauen uns das eine Weile an, dann grillen wir ihn – er hält nicht sehr viel aus – und legen uns wieder schlafen.

Wir wissen allerdings nicht, ob wir ihn getötet haben, oder er nur zurück in die Unterwelt gegangen ist. Er schien eine beträchtliche Stärke zu haben. Offen ist auch die Frage, wo er herkam. Wir haben keine Hinweise darauf gefunden, dass er auf uns angesetzt worden wäre. Auch schien er keinen Auftrag zu haben. Er schien nur durch Angriffslust angetrieben zu sein.

Heute morgen gingen wir weiter zum Dorf. Wegen des Dämonen unsicher geworden erkunden wir das Dorf erst mal aus der Ferne. Es sieht nach einem ganz normalen Dorf aus. Wir schätzen es auf etwa 30 Familien, die Landwirtschaft betreiben. Es gibt drei Straßen die aus dem Ort führen, ein Gasthaus und ein paar Werkstätten. Die Bewohner sind Menschen, die das tun, was man in so einem Ort erwartet. Die Sprache ist uns unverständlich. Naazanin nimmt sich ein paar Stunden mit einem Fernhören-Zauber um bereits ein paar Worte aufzuschnappen.

Wir versuchen, unserer Kleidung ein wenig dem Hiesigen anzupassen, machen einen Bogen auf eine der Straßen und gehen in das Dorf. Dass wir kleiner und dunkelhäutiger sind, lässt sich ohne Magie nicht ändern. Wir entscheiden uns gegen Magie. Unsere Ankunft wird bemerkt, aber nicht weiter beachtet. Wir gehen ins Gasthaus. Hier werden wir freundlich begrüßt. Man ist anscheinend Fremde gewohnt, die nicht der eigenen Sprache mächtig sind.

Bevor wir weiterziehen, so beschließen wir, wollen wir ein paar Tage hierbleiben, um etwas über diese Welt zu erfahren. Die Menschen hier sind freundlich und hilfsbereit. Sie wünschen sich, dass wir ihnen von den aktuellen Geschehnissen aus anderen Städten berichten. Wir verstecken uns hinter unseren schlechten Sprachkenntnissen. Die Dorfbewohner scheinen uns für Italiener zu halten. Das ist uns recht.

Wir haben herausgefunden, wo der Dämon herkam. Gelegentlich erscheinen nachts Dämonen. Einfach so. Sie erscheinen aus Bäumen, aus Felsen, in der Luft oder aus dem Boden. Es gibt auch welche im Wasser. Manchmal passiert tagelang nichts, und dann kommt mal wieder einer. Die Dämonen greifen rücksichtslos alles an, was sie finden können.

Der einzige Schutz, den die Dorfbewohner haben, sind einfache Runen, die sie um Ihre Häuser, Ställe und Weiden malen. Jede Familie kümmert sich jeden Tag darum, dass alle Runen intakt sind. Ist auch nur eine Rune fehlerhaft oder verdreckt, hat der Schutzkreis eine Unterbrechung und die Dämonen können eindringen. Die Menschen hier haben keine echte Magie.

Naazanin hat einem der Bewohner eine verbesserte Rune gezeigt. Sie kann einen größeren Bereich schützen. Der Bewohner war begeistert und hat sie gleich am nächsten Tag dem ganzen Dorf gezeigt. Sie fragen uns, ob wir noch mehr wissen. Da wir weiter müssen, verneinen wir dies.
Abends kam es zum Streit. Naazanin fragt allen ernstes, ob wir nicht einige Zeit länger hierbleiben könnten. Sie könnte in wenigen Wochen mit neuen Runen hier viel erreichen. Ich versuche ihr zu erklären, dass wir das nicht können. Ganz Karthago wartet darauf, das wir unsere Pflicht so schnell wie möglich erfüllen. Hier mischt sich Farshid ein “Welches Karthago? Es gibt kein Karthago mehr! Und wenn ich mir das hier anschaue, dann weiß ich nicht, ob das alles überhaupt einen Sinn hat. Was sollen wir paar Leute, die dem Traum einer großen alten, aber leider dem Erdboden gleich gemachten Stadt anhängen, gegen einen Fluch dieser Größe ausrichten. Wie viele Welten sollen wir denn retten? Mit jeder Welt, die wir betreten, wird es schlimmer mit den Dämonen. Hier kommen sie schon aus eigenem Antrieb! Davon haben uns die arroganten Elfen nichts erzählt. Entweder wollten sie uns nicht vorwarnen oder es wird hier immer schlimmer und sie haben es tatsächlich nicht so erlebt, als sie noch hier waren. Die haben mit ihrer Hybris das Ganze ausgelöst. Warum müssen wir es dann lösen? Ja, ja, ich weiß schon: Wir sind die Guten! Und was bringt uns das jetzt? Den Elfen helfen wir sogar noch, ihren Schwanz einzuziehen. Bravo. Und Naazanin: Du willst hier bleiben? Dich für ein paar Hinterwäldler opfern? Hier ist eine ganze Welt, die gerettet werden will! Und dahinter ist noch eine! Und dahinter wieder!”

Ob seiner Vehemenz fällt es mir schwer, zu antworten. Er hat natürlich Unrecht, aber irgendwie fällt es mir schwer, eine Antwort zu finden. Ich befürchte, die Anstrengungen der Suche und mein Alter machen sich doch bemerkbar.

Nach diesem Ausbruch geht er. Naazanin folgt ihm kurze Zeit später wortlos. Ich sehe sie erst am nächsten Morgen, nach einer schlaflosen Nacht, zum Frühstück wieder. Sie kommen Hand in Hand an den Frühstückstisch. Naazanin ergreift das Wort. „Wir machen weiter und können in einer Woche abreisen. Wir machen das aber nicht für Dich, nicht für Karthago, das es nicht mehr gibt, oder für sonst irgendwen. Wir machen es, weil wir es für richtig halten. Und weil wir Dämonen verabscheuen. Weil wir sehen, was die Dämonen mit den Welten machen, in denen sie übermächtig werden. Und wir machen weiter als Paar. Farshid liebt mich schon seit vielen Jahren. Ich habe mich immer hinter den alten Traditionen versteckt, die Liebe zwischen verschiedenen Kirchen verbieten. Das mache ich jetzt nicht mehr. Und noch was: In dieser Woche wirst Du mir helfen und jede einzelne Rune zu Papier bringen, die den Leuten hier helfen könnte. Farshid wird Unterricht geben! In einer Woche reisen wir weiter. Jetzt ist es an Dir, zu entscheiden, alter Mann!“

Auch dazu fällt mir nichts ein. Ich hatte es auch längst gewusst. Aber das einzige, was mir zu sagen blieb, war „Nennt mich nie wieder alter Mann!“ und dann ging ich. Das es Karthago nicht mehr als Stadt gibt, ist mir klar. Aber die Idee von Karthago lebt weiter. Sonst würden die beiden auch nicht weiter machen. Aber das haben die jungen Leute noch nicht realisiert.
—Ich stimme einer Woche Aufenthalt zu. Das Dorf besteht aus etwa zehn Familien, Zusammen etwa 150 Personen. Vor einigen Jahren waren es noch ein paar Familien mehr. Dämonen haben ganze Familien ausgerottet. Jede kleine Störung auf einer Rune kann zu einer Lücke im Schutzgürtel führen: Ein Vogeldreck, Regen, Wind oder kleine Unachtsamkeiten beim Zeichnen der Rune.

Das soziale Leben findet nur tags statt. Rechtzeitig vor Sonnenuntergang flüchten alle in ihre geschützten Häuser. Reisen über Nacht finden fast nicht mehr statt. Nur wenige Bewohner haben jemals ein anderes Dorf gesehen.

Naazanin geht in Ihrer Aufgabe auf, den Dorfbewohnern neue und verbesserte Runen zu zeigen. Schnell spricht sich die Wirksamkeit unserer Runen herum und wir werden als Wunder verehrt. Naazanin ist die einzige, die sich fließend verständigen kann und die Dorfbewohner verehren sie.

An den menschlichen Siedlungen erscheinen mehr Dämonen als weiter außerhalb, wo wir unsere erste Nacht verbrachten. Die Dämonen sind eindeutig an Menschen interessiert. Es kommt zwei bis drei Mal pro Woche zu nächtlichen Dämonenangriffen. Meistens sind es eine Handvoll Dämonen, die zusammen oder einzeln gegen die Runen anrennen. Eine gemeinsame Planung oder Koordination untereinander ist nicht zu erkennen.

In unserer sechsten Nacht hier, werden wir nachts von Lärm geweckt. Im Nachbarhaus sind Dämonen eingedrungen und töten die Familie. Die Menschen hier haben keine Magie. Sie haben keinerlei Möglichkeit einem Dämonen Schaden zuzufügen. Ihre einzigen Waffen sind Stöcke und Stangen, mit denen sie sie auf Abstand halten.

Uns fällt es relativ leicht, die Dämonen zu vertreiben. Das macht uns endgültig zu Helden, auch wenn die Familie vier Tote zu beklagen hat.

Am nächsten Morgen werden wir gefragt, ob wir noch länger bleiben könnten. Auch wenn wir den Dorfbewohnern keine Magie beibringen können, so haben wir noch viele Runen, die ihnen helfen würden. Bevor ich dazu etwas sagen kann, stimmt Naazanin zu, solange hier zu bleiben, bis wir ein Buch mit unseren Runen erstellt hätten und einige Personen in ihrer Anwendung unterwiesen hätten.

Es gibt später keinen Streit darüber, dass wir bleiben. Damit kann ich Leben. Nur erkläre ich Naazanin sehr deutlich, dass solche Entscheidungen von uns gemeinsam getroffen werden müssen.

Letztendlich blieben wir 3 Monate in dem Dorf. Obwohl die Dorfbewohner uns als schon fast als Heilige ansehen, ist das Leben mit ihnen angenehm. Es sind einfache, aber freundliche und herzliche Menschen.
In unserer Zeit im Dorf erstellen wir ein kleines Buch mit 30 wichtigen Runen und unterwiesen den örtlichen Runenmeister in ihrer Anwendung. Es gibt einen Dorfpriester, dem wir allerdings nicht ganz geheuer sind. Er hat ein paar Anhänger, die uns ablehnend gegenüber stehen. Ich ertappe ein paar von ihnen, wie sie in einem Gespräch immer wieder das gleiche Wort verwenden. Naazanin kann es mir später mit „Hexerei“ übersetzen. Da sie über keine Magie verfügen, beschließen wir, vorsichtig zu sein. Und es sind auch nur ein Handvoll Leute.

Wir haben organisiert, dass jeder von uns abwechselnd eine nächtliche Wache nicht nur für uns sondern auch für das Dorf hält. Einer von uns reicht, um einen Angriff von Dämonen abzuwehren. Außerdem kontrollieren wir auch die Anbringung und den Unterhalt von Runen und haben so den Schutz des Dorfes wesentlich verbessert.

Der Runenmeister hat sich zwei neue Lehrlinge genommen, die das Buch kopieren sollen und die er dann auf die Reise in andere Orte schicken will, damit sie dort das neue Wissen verbreiten. Farshid hat aus Seilen und kunstvoll gefertigten Holzstücken mit eingebrannten Runen eine mehrere Meter lange Kette gefertigt, die man leicht mit auf die Reise nehmen kann und die die Dämonen aus einem Bereich fern halten, der für ein Lager von zwei Personen ausreicht. Damit sind sogar nächtliche reisen wieder möglich, wenn man damit umgehen kann, einen mächtigen Baumdämon nur wenige Handbreit von seinem Kopf wüten zu lassen.

Einer der Dorfbewohner hat ein Bild von Naazanin gemalt, dass jetzt unser Buch mit den Runen schmückt. Die Dorfbewohner hatten es vorher schon Naazanins Buch genannt. Ich vermute, sie wird in die Analen dieser Welt – wen denn welche geführt würden – eingehen.

Die politische Landkarte dieser Welt scheint ganz anders zu sein, als wir es kennen. Wir vermuten, irgendwo im süd-östlichen Mitteleuropa zu sein. Die Sprache, die hier gesprochen wird, könnte polnisch oder slovakisch sein. Sicher sind wir aber nicht. Frankreich, England oder das Osmanische Reich sind hier aber niemandem ein Begriff.

Bis zum nächsten Tor sind es nur etwa 10 Tage. Es gibt gute Straßen in die Nähe des Tores. Eine davon, zweigt zu alten Stadtruinen ab. Da es nicht weit ist, untersuchen wir sie. Anhand der Architektur erkennen wir sie leicht als elfisch.

Da auch hier niemand Magie beherrscht, ist es nicht verwunderlich, dass niemand das Tor nutzt. Es ist wild zugewachsen. Wir vermuten, dass es an den ersten Ausläufern des Urals liegt – so unsere Theorie von Osteuropa stimmt.

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